Taschenbuch
13,99 €
Das Buch als hochwertige Printausgabe zum Anfassen und Genießen
Bei Thalia bestellen →
Historischer Roman an der Ostsee über
starke Frauen und
Selbstbestimmung
Das Grand Hotel Meereskrone
Eine Frau, ein Grand Hotel und der Mut, eigene Wege zu gehen. Der tiefgründige Auftakt einer historischen Familiensaga an der Ostsee über starke Frauen, schicksalshafte Entscheidungen und Hoffnung durch bewegte Zeiten.
Über das Buch
Ein historischer Roman in der Ostsee im Jahr 1902 über eine Frau, die sich gegen die Erwartungen ihrer Zeit stellt.
Seeglingen, 1902: Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes erbt Anna Hansen das einst glanzvolle Grand Hotel Meereskrone hoch über der Ostsee. Wo früher die High Society logierte, bröckelt heute der Putz, und nur wenige Gäste verirren sich noch hierher. Für die Familie ihres Mannes ist kaum zu ertragen, dass ausgerechnet Anna die Direktion übernehmen soll und sie damit eine Rolle einnimmt, die ihr nie zugedacht war.
Entschlossen will sie die Meereskrone zu einem Ort der Ruhe und Heilung machen und damit den mondänen Badebetrieb der Oberschicht infrage stellen. Doch ihre Pläne stoßen auf Widerstand. Intrigen, Gerüchte und verdeckte Sabotage bedrohen nicht nur das Hotel, sondern auch Annas Stellung in einer Welt, die weibliche Selbstbestimmung nicht vorsieht.
Unterstützung findet sie bei Frauen, die bereit sind, neue Wege mit ihr zu gehen, sowie bei Dr. Matthias Albrecht, einem Arzt mit modernen Ideen und einem feinen Gespür für die Heilkraft des Meeres. Zwischen ihnen wächst eine stille Nähe, getragen von Wertschätzung und Respekt.
Als die Zukunft der Meereskrone endgültig auf der Kippe steht, muss Anna beweisen, dass Haltung und Herzblut stärker sind als gesellschaftliche Konventionen.
„Du bist frei wie ein Vogel, Anna. Und ich wünschte, du würdest es erkennen."
Aus „Stürmische Hoffnung"
Ein Auszug aus dem ersten Kapitel. Lass dich hineinziehen in die Welt der Meereskrone.
Kapitel 1
Anna stand am Fenster des Arbeitszimmers, in dem es passiert war.
Sie schob die durchscheinenden, weißen Stores ein Stück zur Seite, sodass sie freien Blick
auf den Mittelweg hatte. Geschlossene Kutschen ratterten über das Kopfsteinpflaster, die
langen Peitschenschnüre tanzten wild umher, ohne dass die Fahrer sie benutzten.
In Gedanken versunken und mit immer noch aufgestellten Nackenhärchen – eine Reaktion, die
sie unweigerlich heimsuchte, wann immer sie dieses Zimmer betrat – beobachtete Anna die
Leute, die hin und her eilten. Mit dicken Mänteln und Hüten ausgestattet, lehnten sie sich
gegen den Wind, schirmten ihre Gesichter vor dem Regen ab und hielten Taschen oder Körbe
fest in ihren Händen. Hin und wieder warfen sie besorgte Blicke in die noch nicht ganz
kahlen Kronen der Linden, die den Mittelweg zu beiden Seiten säumten. Mit jeder heftigen Böe
wirbelten gelbe Blätter herab und bogen sich die Äste tief.
Der Oktober war mild verlaufen, Nachtfröste hatte es keine gegeben, aber pünktlich zum 1.
November war das Wetter umgeschlagen.
Anna lehnte sich an das kalte Fensterglas und schloss für ein paar Sekunden ihre Augen,
bevor sie zurücktrat und sich über die Oberarme rieb, weil ein weiterer Schauer sie erfasst
hatte. Stirnrunzelnd drehte sie sich zum Kachelofen, in dem sie das Knistern der Kohle zwar
vernahm, das Ausstrahlen der Hitze jedoch vermisste. Lediglich die gusseiserne Klappe hatte
sich immerhin so weit erwärmt, dass Anna ihre Hände nah daran halten konnte, und ein
wohliges Seufzen entwich über ihre Lippen.
Seit Carl-Hermanns Tod vor etwas mehr als vier Monaten verwaiste sein Büro zunehmend. Anna
betrat es vor allem dann, wenn sie von dem ihr so bekannten Drang heimgesucht wurde, die
Papiere ihres Gatten zu sichten oder zu sortieren. Doch Carl-Hermann war nicht nur ein Mann
gewesen, der es geschätzt hatte, die Struktur und Ordnung in seinen geschäftlichen
Unterlagen beizubehalten. Auch hatte er Anna auf ihr Bitten hin stets Einsicht gewährt.
Weshalb es eigentlich nicht vonnöten war, dass sie die Dokumente wieder und wieder durchsah,
Unterschriften kontrollierte und Daten abglich, die längst nicht mehr von Relevanz
waren.
Dennoch beruhigte es sie. Abgesehen davon fühlte sie sich Carl-Hermann in diesem Raum immer
noch nah. Und das, obwohl – aber vielleicht auch weil – sie ihn genau hier verloren
hatte.
Für immer.
Anna schüttelte sich. Sie nahm sich vor, ihrem Dienstmädchen Clara den Auftrag zu erteilen,
den Ofen im Arbeitszimmer bereits am Vormittag zu befeuern. Es war ihr wichtig,
Carl-Hermanns Büro in Ehren zu halten. Dazu gehörte ihrer Meinung nach nicht nur, dass
täglich die Ablagen und Böden gewischt und einmal wöchentlich die Teppiche ausgeklopft
wurden. Auch eine angenehme Zimmertemperatur oder das Vorhandensein von Blumenarrangements
waren für sie von Bedeutung. Es war schließlich nichts Verwerfliches daran, gewisse Abläufe
beizubehalten.
Ihr Blick wanderte über den Schreibtisch, auf dem neben der schweren Schreibunterlage aus
dunkelgrünem Leder Carl-Hermanns Feder exakt parallel zum geschlossenen Tintenfass lag, als
wartete sie nur darauf, von ihm berührt zu werden. Seine goldene Taschenuhr ruhte in einer
Messingschale, die das Ticken akustisch zu verstärken schien, und nur die gerahmte
Fotografie, welche Anna und Carl-Hermann am Tage ihrer Hochzeit vor nunmehr dreizehn Jahren
zeigte, zeugte von einer gewissen Wärme inmitten der kühlen Ordnung.
Anna schluckte gegen die aufkommende Melancholie an. Dass ihre Bekanntschaft und die daraus
resultierende Ehe mit Carl-Hermann eher aus einem glücklichen Zufall und keiner Verbindung
aus Liebe erwachsen war, hatte keinerlei Einfluss darauf gehabt, wie gut sie sich
miteinander verstanden. Romantische Gefühle hatten sich zwar nie entwickelt. Stattdessen
aber eine tiefe Freundschaft, eine Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt und dem
zwischenmenschlichen Umgang auf Augenhöhe beruhte. Sehr zum Missfallen von Carl-Hermanns
Familie, die die Verbindung nie gutgeheißen hatten. Doch nie hatte er sich um die Einwände
seiner beiden Brüder oder seiner Eltern geschert. Er war zwar Teil des Familienunternehmens
gewesen, welches sehr erfolgreich mit maritimen Luxusgütern handelte, aber imstande gewesen,
Geschäft und Privatleben strikt voneinander zu trennen.
Anna warf einen Blick auf die Taschenuhr. Es wurde Zeit, sich für den Termin in der Villa
der Hansens vorzubereiten. Endlich würde es zur Testamentsverlesung kommen, und obwohl sich
Anna sicher war, dass Carl-Hermanns Vermögen dem Familienunternehmen zufließen würde,
empfand sie es als einen schwachen Trost, etwas vorgetragen zu bekommen, das ihr Gatte zu
Lebzeiten verfasst hatte. Selbst wenn es sich dabei nur um ein förmliches Dokument handelte,
das keine persönlichen Randnotizen und erst recht keine Nachricht an sie enthielt.
Sie stieg die Treppe in den zweiten Stock empor, zog sich ins Schlafgemach zurück und betrat
von dort aus ihr Ankleidezimmer. Vor dem Spiegel stehend, prüfte sie ihr
Erscheinungsbild.
Der dunkelgraue, bodenlange Rock kombiniert mit der hochgeschlossenen Bluse mit dezentem
Spitzenkragen und den schwarzen Schnürstiefeln repräsentierten genau das richtige Maß an
Stärke, das vonnöten war, um ihrer Schwiegerfamilie entgegenzutreten. Ihre Kleidung saß
tadellos, nur ihre Haut wirkte leicht fahl, doch darüber ließ sich hinwegsehen. Ihre Augen,
grün mit einem Hauch Braun darin, schauten wachsam, wenn auch traurig in die Welt. Sie
richtete den Hut, der auf ihrem braunen, gewellten Schopf saß, steckte ihn mit ein paar
Haarklammern fest und zog den kurzen Witwenschleier in die Stirn. Sie befasste sich gerade
damit, passende Handschuhe ausfindig zu machen, als sie ein Klopfen an der Schlafzimmertür
vernahm.
„Ja, bitte?“, rief sie, während sie ihren Ankleideraum verließ und neben dem Ehebett
stehenblieb, das viel zu groß und erschreckend leer wirkte, seit sie allein darin schlief.
Das Räuspern ihres Hausdieners Wilhelm ertönte aus dem Flur; natürlich betrat er den Raum
nicht unaufgefordert. „Gnädige Frau, die Kutsche der Hansens wartet. Was darf ich
ausrichten?“
Anna starrte für einen Moment auf die Holzmaserung der Tür und schüttelte dann vehement
ihren Kopf. Dass Carl-Hermanns Bruder Friedrich hinter dieser auf den ersten Blick
freundlichen Geste steckte, stand außer Frage. Es ging selbstverständlich nicht darum, ihr,
Anna, einen Gefallen zu erweisen oder gut gemeinte innerfamiliäre Fürsorge zu zeigen.
Vielmehr war es die Demonstration von hierarchischen Strukturen, die dahintersteckte.
Anna spürte ihren Pulsschlag im ganzen Körper und ballte ihre Hände zu Fäusten, bemühte sich
jedoch um einen verträglichen, wenn nicht gar gleichgültigen Tonfall. „Danke, Wilhelm.
Richten Sie dem Fahrer doch bitte aus, dass ich mich für die Zuvorkommenheit bedanke, aber
mit Stefan und unserer eigenen Kutsche zu fahren gedenke.“
„Sehr gern“, kam die prompte Antwort des Hausdieners, bei der Anna meinte, ein Schmunzeln im
Tonfall zu vernehmen. Ihrer kleinen Dienerschaft war hinlänglich bekannt, dass sie einen
Sturkopf besaß und sich des Öfteren über die Konventionen oder Ansichten der gehobenen
Gesellschaft hinwegsetzte.
Nachdem sie einen weiteren Blick in den Spiegel geworfen und sich ihre Hand um den Henkel
der schwarzen Ledertasche geschlossen hatte, in der sie ein Taschentuch, ihre Geldbörse und
ein Notizbuch aufbewahrte, ging sie zurück ins Erdgeschoss. In der Empfangshalle, gleich
neben der Garderobe, wartete Wilhelm bereits mit ihrem Mantel.
„Eine angenehme Fahrt und einen guten Tag, gnädige Frau“, wünschte er ihr, half ihr in das
Kleidungsstück und nickte.
„Ich habe nicht vor, länger als unbedingt nötig außer Haus zu bleiben. Erwarten Sie meine
Rückkehr am frühen Nachmittag.“
Tief durchatmend und sich innerlich für die kommenden Stunden wappnend, trat sie auf die
Freitreppe, die vom Haus auf den Gehweg führte, und nahm anschließend Platz in der
bereitstehenden Kutsche.
Rumpelnd setzte sich das Gefährt in Bewegung, vorbei an all den repräsentativen Stadthäusern
mit ihren hohen Fassaden, mit Schnitzereien verzierten Türen und glänzend schmiedeeisernen
Geländern. Dazwischen, in regelmäßigen Abständen, erhaschte Anna einen kurzen Blick auf das
Westufer der Außenalster. Der aufgestaute See, auf dem sich bei gutem Wetter Ruder- und
Segelboote tummelten, zeigte sich heute fast schwarz und von harten Wellen zerrissen. Die
Rufe der Silber- und Lachmöwen, die über dem Gewässer gegen die Böen ankämpften, klangen
schrill und waren selbst über das Tosen des Sturms hinweg hörbar.
Anna wandte sich ab von dem unruhigen Bild, das sich ihr bot, versuchte der aufkommenden
Nervosität Einhalt zu gebieten. Natürlich hatte sie in mehr als einem Jahrzehnt unter den
Argusaugen der Hansens gelernt, nicht jedes ihrer tadelnden Worte auf die Goldwaage zu legen
– nicht zuletzt durch Carl-Hermanns Beistand und seine fortwährende Unterstützung. Und im
Grunde war Anna von Hause aus schon immer eine Frau gewesen, die sich nicht kleinreden ließ.
Die für sich einstand, eloquent, mit einem kühlen Sinn für Gerechtigkeit und dem feinen
Gespür für Authentizität.
Dennoch war ihr in diesem Moment bewusst, da sie ihren Kopf gegen das Lederpolster der
Kutsche lehnte und auf der Unterlippe kaute, bis sie Blut schmeckte, dass die folgenden
Stunden womöglich über den Rest ihres Lebens entscheiden würden. Da waren ein wenig
Herzklopfen und ein flaues Gefühl in der Magengrube das Geringste, mit dem sie sich
anzufreunden hatte.
Sie legte die Hände in den Schoß, betrachtete ihre Knie, die sich unter ihrem Rock
abzeichneten, und klaubte ein paar aufgeraute Wollflusen ab. Ihr Blick verharrte, bohrte
sich regelrecht in das dunkle Grau ihrer Kleidung. Die Witwe Hansen, wurde sie nun oft
genannt, meist hinter vorgehaltener Hand, aber scharf genug, dass sie es hörte. Als wäre sie
lediglich das Nachwort ihres Ehemannes, nur noch der Schatten eines Namens, den er getragen
hatte. Dabei bemühte sie sich nach besten Kräften, weiterzugehen, sich keine Schwäche
einzuräumen, denn wer stillstand, hatte längst verloren. Dass sie sich einsam und verlassen
fühlte seit jenem Tag im vergangenen Sommer, entsprach jedoch einer Tatsache, und niemals
würde sie jenen Moment vergessen, der ihr den Boden unter den Füßen weggerissen hatte.
Carl-Hermann war einem Herzinfarkt erlegen. Es war aus heiterem Himmel geschehen, während er
ein Telefonat mit einem Kunden geführt hatte. Anna hatte sein Büro in derselben Sekunde
betreten, da er sich zu ihr umdrehte, sein Gesicht aschfahl, Schweiß auf seiner Oberlippe
perlend.
Ihr war sogleich klar gewesen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Der Ausdruck in seinen
Augen hatte von einer Panik erzählt, die sie bei ihm noch nie erlebt hatte. Die Knöchelchen
seiner Finger, die die Knopfleiste seines Oberhemdes umkrallt hatten, waren weiß und spitz
hervorgetreten, und sofort nachdem er sich vornüber gekrümmt hatte, war er, ohne sich
aufzustützen oder abzufangen, auf den Boden gestürzt.
Anna entsann sich der weit aufgerissenen Augen. Jeder Funke Leben war innerhalb weniger
Sekunden aus Carl-Hermann gewichen. Der Tod hatte nichts zurückgelassen als ein blindes
Fenster zu seiner Seele, die sich längst aufgemacht hatte zu neuen Gefilden. Nichts, aber
auch gar nichts hatte sie tun können, obwohl sie alles darum gegeben hätte. Er war fort, und
sie hatte hinnehmen müssen – wieder einmal –, dass nichts, das man nicht mit beiden Händen
festzuhalten vermochte, Bestand genoss.
Hatte Carl-Hermann hin und wieder über ein beklemmendes Gefühl in der Brust geklagt? War er
kurzatmig gewesen? Schnell überlastet und müde? Diese und viele weitere Fragen hatte man
Anna gestellt, um herauszufinden, warum ein scheinbar kerngesunder Mann von Anfang vierzig
so plötzlich aus dem Leben gerissen worden war. Doch es hatte keine nachvollziehbaren Gründe
gegeben, niemand war imstande gewesen, Erklärungen abzuliefern, die das Unglück plausibler
erscheinen ließen. Carl-Hermann war einfach gestorben.
Anna versuchte, die dunklen Gedanken abzustreifen, damit sie sich auf die bevorstehende
Zusammenkunft mit ihrer Schwiegermutter und ihren Schwagern konzentrieren konnte. Es war
mittlerweile zwei Wochen her, dass Therese, die Angetraute von Friedrich, Carl-Hermanns
ältestem Bruder und seit dem Tod des Vaters unangefochtenes Oberhaupt der Familie Hansen,
ihr einen Besuch abgestattet hatte.
„Nimm dir für den 3. November besser nichts vor“, hatte Therese ihr in ihrem gewohnt
abfälligen Ton mehr befohlen als geraten. „Das Testament unseres lieben Carl-Hermann wird
endlich verlesen.“ Anschließend hatte sie sich bemüht, Tränen in ihre Augenwinkel zu
pressen, zweifelsohne damit Anna glaubte, der Tod ihres Schwagers ginge ihr nah. Immerhin
war es nicht einfach, wenn erneut in der Wunde gestochert wurde, die auch nach Wochen und
Monaten noch nicht zugeheilt war. Annas Schmerz jedoch mit Thereses zu vergleichen, stand in
keinerlei Relation.
Dass nun ausgerechnet ihre Schwägerin, die zusammen mit Friedrich am meisten gegen
Carl-Hermann und seinen ungewöhnlichen Umgang mit Anna gewettert hatte, sich in dieser
Situation plötzlich das Kostüm der Tieftrauernden überstreifen wollte, war beinahe
lächerlich gewesen. In ihrem Inneren hatte Anna gekocht. Doch weil Carl-Hermann sich zeit
seines Lebens gewünscht hatte, sie möge auf die ein oder andere Weise mit seiner Familie
zurechtkommen, hatte sie Therese nur milde zugelächelt, ihr ein Taschentuch gereicht, damit
sie die falschen Tränen trocknen konnte, und die Einladung in die Villa der Hansens
angenommen.
Die Kutsche fuhr am Dammtor-Bahnhof vorbei in Richtung Innenstadt. Anna sah aus dem Fenster,
gab einen Seufzer ob der unüberhörbaren Geräuschkulisse von sich und ließ ihren Blick
schweifen. Zeitungsjungen, die die Schlagzeilen des Tages ausriefen, Studenten mit ledernen
Aktenmappen unter dem Arm, ein Straßenmusikant, der unter dem Vordach einer Gastwirtschaft
die Drehorgel spielte, und eilig vorbeilaufende Menschen unter aufgespannten Schirmen waren
auf den Bürgersteigen unterwegs.
Sich nach Ruhe sehnend, zog Anna die Gardinen vor die beiden Fenster der Kutsche, was ihr
nicht viel Erleichterung bescherte, aber wenigstens den Blick in das stetige Gewusel auf den
Straßen ersparte. Sie wusste, dass das Stimmengewirr hinter der Lombardsbrücke und weiter
Richtung Jungfernstieg und Rathausmarkt noch stärker anschwellen würde. Und ihre Nerven
waren jetzt schon gespannt wie Drahtseile.
Sie empfand keine Angst beim Gedanken daran, mit Carl-Hermanns Familie zusammen an einem
Tisch zu sitzen. Dennoch verbrachte sie nicht gerne Zeit mit oder bei ihnen, erst recht
nicht, wenn es, wie jetzt, um etwas Privates wie die Erinnerung an ihren lieben Ehemann und
dessen Nachlass ging. Die Vorstellung, dass alles, was er geleistet hatte, jedes bisschen,
das seinem Erfolg zuzuschreiben war, einfach in den Besitz seiner Brüder übergehen würde,
gefiel Anna ganz und gar nicht. Natürlich war am Ende alles eins, und jeder der Hansens
profitierte vom Geschäft, aber Carl-Hermanns Methoden, Gewinn zu maximieren sowie sein
Umgang mit Kunden unterschieden sich stark von dem, was der Rest der Familie, allen voran
Friedrich, für erstrebenswert erachtete.
Endlich, nach mehr als einer halben Stunde Fahrt, lenkte Stefan die Pferde auf den
Valentinskamp, wo die Häuser nicht mehr so dicht beieinanderstanden und eine eher kühle,
gediegene Atmosphäre herrschte. Die Vereinigung von alteingesessenem Reichtum und
Traditionsbewusstsein war hier so deutlich spürbar, dass Anna sich gegen das wachsende
Unwohlsein kaum noch wehren konnte. Dies war einfach nicht ihre Welt, war es nie gewesen,
selbst nicht in ihrer Kindheit und Jugend. Und doch schaffte sie es, dank ihrer
Selbstbeherrschung darin zu leben, so gut es eben ging.
Vor einem der imposantesten Gebäude hielt die Kutsche schließlich. Nur wenige Momente danach
öffnete Stefan die Tür, klappte das Trittbrett aus und hielt Anna seine behandschuhte Hand
hin, damit sie auf den Bürgersteig treten konnte. Bereits aus dem Augenwinkel bemerkte sie
eine Bewegung an der Tür der Hansen-Villa: Der Hausdiener machte sich bereit, sie zu
empfangen und ins Haus zu geleiten.
Anna nickte Stefan zu. „Warten Sie hier“, beauftragte sie ihn. „Es wird nicht allzu lang
dauern.“
Ihre Schultern bis an die Ohren hochgezogen, um sich gegen die eisigen Böen zu schützen,
stieg sie die Stufen empor und folgte dem Angestellten durch das Portal ins Haus.
„Die Herrschaften erwarten Sie bereits“, gab der Hausdiener steif von sich, während er ihr
den Mantel abnahm. Anna wusste, sie war nicht willkommen, sondern lediglich geduldet. Ebenso
war ganz eindeutig zu spüren, dass die Tatsache, dass sie nicht mit der Kutsche der Hansens
vorgefahren war, sie in der Gunst der Familie weiter hatte sinken lassen.
Ihre Schritte hallten auf dem polierten Marmor der Empfangshalle, die mühelos als Ballsaal
hätte dienlich sein können. Nicht eine einzige Blume zierte den Raum, nur die steinerne
Büste des verstorbenen Friedrich Hansen senior thronte in der Mitte gleich unter dem
Kronleuchter, der kaltes Licht auf die Wände streute. Ein weiterer Vorfahre der Hansens
schien Anna im Vorgehen aus seinem dunklen Ahnenporträt zu beobachten, Übelwollen lauerte in
seinem Blick. Jedenfalls fühlte es sich für Anna so an.
„Bitte“, wies der Diener sie an und zeigte auf die mit dunklem Holz vertäfelte Tür zum
Herrenzimmer. „Ich glaube, die Kutsche des Notars ist soeben vorgefahren. Sie finden ja den
Weg.“ Weder ihre Reaktion abwartend, noch sie in den angrenzenden Raum begleitend, entfernte
sich der Angestellte und eilte zum Hauseingang zurück, um einen viel bedeutsameren Gast, als
sie es war, zu begrüßen.
Anna schaute ihm kurz hinterher und schürzte die Lippen. Egal, wie wenig Sympathien man ihr
persönlich entgegenbringen mochte, dass der Hausdiener sie einfach stehenließ, konnte sie
nicht gutheißen. Seufzend trat sie auf das Herrenzimmer zu, wollte nach der Klinke greifen
und bemerkte im letzten Moment, dass die Tür nur angelehnt war.
Entdecke "Stürmische Hoffnung", den historischen Roman an der Ostsee über eine Frau, die ihrern eigenen Weg geht.
Jetzt erhältlich
„Stürmische Hoffnung" ist als Taschenbuch und eBook bei Thalia erhältlich. Wähle dein bevorzugtes Format.
13,99 €
Das Buch als hochwertige Printausgabe zum Anfassen und Genießen
Bei Thalia bestellen →4,99 €
Sofort loslesen. Digital auf deinem Lieblings-Lesegerät
Bei Thalia bestellen →Eine Geschichte über eine Frau, die sich weigert, das Leben zu führen, das andere für sie vorgesehen haben.
PS:
Wenn du Geschichten über starke Frauen, emotionale Familiensagas und historische Romane liebst, könnten dich auch meine Bücher „Kolibriherz - Zwischen Versprechen und Vergeltung“ oder „Im Schatten der Rosen“ interessieren.