Das Grand Hotel Meereskrone – Stürmische Hoffnung von Christel Netuschil
Jetzt erhältlich

Historischer Roman an der Ostsee über
starke Frauen und Selbstbestimmung

Das Grand Hotel Meereskrone

Stürmische Hoffnung

Eine Frau, ein Grand Hotel und der Mut, eigene Wege zu gehen. Der tiefgründige Auftakt einer historischen Familiensaga an der Ostsee über starke Frauen, schicksalshafte Entscheidungen und Hoffnung durch bewegte Zeiten.

Als Taschenbuch & eBook Erhältlich bei Thalia
Das Grand Hotel Meereskrone – Stürmische Hoffnung, 3D-Buchansicht
Historischer Roman an der Ostseeküste
· Familiensaga · ISBN 978-3-69090-435-3

Über das Buch

Stürmische Hoffnung

Ein historischer Roman in der Ostsee im Jahr 1902 über eine Frau, die sich gegen die Erwartungen ihrer Zeit stellt.

Seeglingen, 1902: Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes erbt Anna Hansen das einst glanzvolle Grand Hotel Meereskrone hoch über der Ostsee. Wo früher die High Society logierte, bröckelt heute der Putz, und nur wenige Gäste verirren sich noch hierher. Für die Familie ihres Mannes ist kaum zu ertragen, dass ausgerechnet Anna die Direktion übernehmen soll und sie damit eine Rolle einnimmt, die ihr nie zugedacht war.

Entschlossen will sie die Meereskrone zu einem Ort der Ruhe und Heilung machen und damit den mondänen Badebetrieb der Oberschicht infrage stellen. Doch ihre Pläne stoßen auf Widerstand. Intrigen, Gerüchte und verdeckte Sabotage bedrohen nicht nur das Hotel, sondern auch Annas Stellung in einer Welt, die weibliche Selbstbestimmung nicht vorsieht.

Unterstützung findet sie bei Frauen, die bereit sind, neue Wege mit ihr zu gehen, sowie bei Dr. Matthias Albrecht, einem Arzt mit modernen Ideen und einem feinen Gespür für die Heilkraft des Meeres. Zwischen ihnen wächst eine stille Nähe, getragen von Wertschätzung und Respekt.

Als die Zukunft der Meereskrone endgültig auf der Kippe steht, muss Anna beweisen, dass Haltung und Herzblut stärker sind als gesellschaftliche Konventionen.

Eine starke weibliche
Hauptfigur im Mittelpunkt
Historischer Roman an
der Ostseeküste um 1900
Eine bewegende Familiensage
über mehrere Generationen
Selbstbestimmung, Liebe und
gesellschaftliche Erwartungen
„Du bist frei wie ein Vogel, Anna. Und ich wünschte, du würdest es erkennen."

Aus „Stürmische Hoffnung"

Leseprobe

Tauche ein in die Geschichte

Ein Auszug aus dem ersten Kapitel. Lass dich hineinziehen in die Welt der Meereskrone.

Kapitel 1

Hamburg, Anfang November 1902

Anna stand am Fenster des Arbeitszimmers, in dem es passiert war.
Sie schob die durchscheinenden, weißen Stores ein Stück zur Seite, sodass sie freien Blick auf den Mittelweg hatte. Geschlossene Kutschen ratterten über das Kopfsteinpflaster, die langen Peitschenschnüre tanzten wild umher, ohne dass die Fahrer sie benutzten.
In Gedanken versunken und mit immer noch aufgestellten Nackenhärchen – eine Reaktion, die sie unweigerlich heimsuchte, wann immer sie dieses Zimmer betrat – beobachtete Anna die Leute, die hin und her eilten. Mit dicken Mänteln und Hüten ausgestattet, lehnten sie sich gegen den Wind, schirmten ihre Gesichter vor dem Regen ab und hielten Taschen oder Körbe fest in ihren Händen. Hin und wieder warfen sie besorgte Blicke in die noch nicht ganz kahlen Kronen der Linden, die den Mittelweg zu beiden Seiten säumten. Mit jeder heftigen Böe wirbelten gelbe Blätter herab und bogen sich die Äste tief.
Der Oktober war mild verlaufen, Nachtfröste hatte es keine gegeben, aber pünktlich zum 1. November war das Wetter umgeschlagen.
Anna lehnte sich an das kalte Fensterglas und schloss für ein paar Sekunden ihre Augen, bevor sie zurücktrat und sich über die Oberarme rieb, weil ein weiterer Schauer sie erfasst hatte. Stirnrunzelnd drehte sie sich zum Kachelofen, in dem sie das Knistern der Kohle zwar vernahm, das Ausstrahlen der Hitze jedoch vermisste. Lediglich die gusseiserne Klappe hatte sich immerhin so weit erwärmt, dass Anna ihre Hände nah daran halten konnte, und ein wohliges Seufzen entwich über ihre Lippen.
Seit Carl-Hermanns Tod vor etwas mehr als vier Monaten verwaiste sein Büro zunehmend. Anna betrat es vor allem dann, wenn sie von dem ihr so bekannten Drang heimgesucht wurde, die Papiere ihres Gatten zu sichten oder zu sortieren. Doch Carl-Hermann war nicht nur ein Mann gewesen, der es geschätzt hatte, die Struktur und Ordnung in seinen geschäftlichen Unterlagen beizubehalten. Auch hatte er Anna auf ihr Bitten hin stets Einsicht gewährt.
Weshalb es eigentlich nicht vonnöten war, dass sie die Dokumente wieder und wieder durchsah, Unterschriften kontrollierte und Daten abglich, die längst nicht mehr von Relevanz waren.
Dennoch beruhigte es sie. Abgesehen davon fühlte sie sich Carl-Hermann in diesem Raum immer noch nah. Und das, obwohl – aber vielleicht auch weil – sie ihn genau hier verloren hatte.
Für immer.
Anna schüttelte sich. Sie nahm sich vor, ihrem Dienstmädchen Clara den Auftrag zu erteilen, den Ofen im Arbeitszimmer bereits am Vormittag zu befeuern. Es war ihr wichtig, Carl-Hermanns Büro in Ehren zu halten. Dazu gehörte ihrer Meinung nach nicht nur, dass täglich die Ablagen und Böden gewischt und einmal wöchentlich die Teppiche ausgeklopft wurden. Auch eine angenehme Zimmertemperatur oder das Vorhandensein von Blumenarrangements waren für sie von Bedeutung. Es war schließlich nichts Verwerfliches daran, gewisse Abläufe beizubehalten.
Ihr Blick wanderte über den Schreibtisch, auf dem neben der schweren Schreibunterlage aus dunkelgrünem Leder Carl-Hermanns Feder exakt parallel zum geschlossenen Tintenfass lag, als wartete sie nur darauf, von ihm berührt zu werden. Seine goldene Taschenuhr ruhte in einer Messingschale, die das Ticken akustisch zu verstärken schien, und nur die gerahmte Fotografie, welche Anna und Carl-Hermann am Tage ihrer Hochzeit vor nunmehr dreizehn Jahren zeigte, zeugte von einer gewissen Wärme inmitten der kühlen Ordnung.
Anna schluckte gegen die aufkommende Melancholie an. Dass ihre Bekanntschaft und die daraus resultierende Ehe mit Carl-Hermann eher aus einem glücklichen Zufall und keiner Verbindung aus Liebe erwachsen war, hatte keinerlei Einfluss darauf gehabt, wie gut sie sich miteinander verstanden. Romantische Gefühle hatten sich zwar nie entwickelt. Stattdessen aber eine tiefe Freundschaft, eine Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt und dem zwischenmenschlichen Umgang auf Augenhöhe beruhte. Sehr zum Missfallen von Carl-Hermanns Familie, die die Verbindung nie gutgeheißen hatten. Doch nie hatte er sich um die Einwände seiner beiden Brüder oder seiner Eltern geschert. Er war zwar Teil des Familienunternehmens gewesen, welches sehr erfolgreich mit maritimen Luxusgütern handelte, aber imstande gewesen, Geschäft und Privatleben strikt voneinander zu trennen.
Anna warf einen Blick auf die Taschenuhr. Es wurde Zeit, sich für den Termin in der Villa der Hansens vorzubereiten. Endlich würde es zur Testamentsverlesung kommen, und obwohl sich Anna sicher war, dass Carl-Hermanns Vermögen dem Familienunternehmen zufließen würde, empfand sie es als einen schwachen Trost, etwas vorgetragen zu bekommen, das ihr Gatte zu Lebzeiten verfasst hatte. Selbst wenn es sich dabei nur um ein förmliches Dokument handelte, das keine persönlichen Randnotizen und erst recht keine Nachricht an sie enthielt.
Sie stieg die Treppe in den zweiten Stock empor, zog sich ins Schlafgemach zurück und betrat von dort aus ihr Ankleidezimmer. Vor dem Spiegel stehend, prüfte sie ihr Erscheinungsbild.
Der dunkelgraue, bodenlange Rock kombiniert mit der hochgeschlossenen Bluse mit dezentem Spitzenkragen und den schwarzen Schnürstiefeln repräsentierten genau das richtige Maß an Stärke, das vonnöten war, um ihrer Schwiegerfamilie entgegenzutreten. Ihre Kleidung saß tadellos, nur ihre Haut wirkte leicht fahl, doch darüber ließ sich hinwegsehen. Ihre Augen, grün mit einem Hauch Braun darin, schauten wachsam, wenn auch traurig in die Welt. Sie richtete den Hut, der auf ihrem braunen, gewellten Schopf saß, steckte ihn mit ein paar Haarklammern fest und zog den kurzen Witwenschleier in die Stirn. Sie befasste sich gerade damit, passende Handschuhe ausfindig zu machen, als sie ein Klopfen an der Schlafzimmertür vernahm.
„Ja, bitte?“, rief sie, während sie ihren Ankleideraum verließ und neben dem Ehebett stehenblieb, das viel zu groß und erschreckend leer wirkte, seit sie allein darin schlief. Das Räuspern ihres Hausdieners Wilhelm ertönte aus dem Flur; natürlich betrat er den Raum nicht unaufgefordert. „Gnädige Frau, die Kutsche der Hansens wartet. Was darf ich ausrichten?“
Anna starrte für einen Moment auf die Holzmaserung der Tür und schüttelte dann vehement ihren Kopf. Dass Carl-Hermanns Bruder Friedrich hinter dieser auf den ersten Blick freundlichen Geste steckte, stand außer Frage. Es ging selbstverständlich nicht darum, ihr, Anna, einen Gefallen zu erweisen oder gut gemeinte innerfamiliäre Fürsorge zu zeigen. Vielmehr war es die Demonstration von hierarchischen Strukturen, die dahintersteckte.
Anna spürte ihren Pulsschlag im ganzen Körper und ballte ihre Hände zu Fäusten, bemühte sich jedoch um einen verträglichen, wenn nicht gar gleichgültigen Tonfall. „Danke, Wilhelm.
Richten Sie dem Fahrer doch bitte aus, dass ich mich für die Zuvorkommenheit bedanke, aber mit Stefan und unserer eigenen Kutsche zu fahren gedenke.“
„Sehr gern“, kam die prompte Antwort des Hausdieners, bei der Anna meinte, ein Schmunzeln im Tonfall zu vernehmen. Ihrer kleinen Dienerschaft war hinlänglich bekannt, dass sie einen Sturkopf besaß und sich des Öfteren über die Konventionen oder Ansichten der gehobenen Gesellschaft hinwegsetzte.
Nachdem sie einen weiteren Blick in den Spiegel geworfen und sich ihre Hand um den Henkel der schwarzen Ledertasche geschlossen hatte, in der sie ein Taschentuch, ihre Geldbörse und ein Notizbuch aufbewahrte, ging sie zurück ins Erdgeschoss. In der Empfangshalle, gleich neben der Garderobe, wartete Wilhelm bereits mit ihrem Mantel.
„Eine angenehme Fahrt und einen guten Tag, gnädige Frau“, wünschte er ihr, half ihr in das Kleidungsstück und nickte.
„Ich habe nicht vor, länger als unbedingt nötig außer Haus zu bleiben. Erwarten Sie meine Rückkehr am frühen Nachmittag.“
Tief durchatmend und sich innerlich für die kommenden Stunden wappnend, trat sie auf die Freitreppe, die vom Haus auf den Gehweg führte, und nahm anschließend Platz in der bereitstehenden Kutsche.
Rumpelnd setzte sich das Gefährt in Bewegung, vorbei an all den repräsentativen Stadthäusern mit ihren hohen Fassaden, mit Schnitzereien verzierten Türen und glänzend schmiedeeisernen Geländern. Dazwischen, in regelmäßigen Abständen, erhaschte Anna einen kurzen Blick auf das Westufer der Außenalster. Der aufgestaute See, auf dem sich bei gutem Wetter Ruder- und Segelboote tummelten, zeigte sich heute fast schwarz und von harten Wellen zerrissen. Die Rufe der Silber- und Lachmöwen, die über dem Gewässer gegen die Böen ankämpften, klangen schrill und waren selbst über das Tosen des Sturms hinweg hörbar.
Anna wandte sich ab von dem unruhigen Bild, das sich ihr bot, versuchte der aufkommenden Nervosität Einhalt zu gebieten. Natürlich hatte sie in mehr als einem Jahrzehnt unter den Argusaugen der Hansens gelernt, nicht jedes ihrer tadelnden Worte auf die Goldwaage zu legen – nicht zuletzt durch Carl-Hermanns Beistand und seine fortwährende Unterstützung. Und im Grunde war Anna von Hause aus schon immer eine Frau gewesen, die sich nicht kleinreden ließ. Die für sich einstand, eloquent, mit einem kühlen Sinn für Gerechtigkeit und dem feinen Gespür für Authentizität.
Dennoch war ihr in diesem Moment bewusst, da sie ihren Kopf gegen das Lederpolster der Kutsche lehnte und auf der Unterlippe kaute, bis sie Blut schmeckte, dass die folgenden Stunden womöglich über den Rest ihres Lebens entscheiden würden. Da waren ein wenig Herzklopfen und ein flaues Gefühl in der Magengrube das Geringste, mit dem sie sich anzufreunden hatte.
Sie legte die Hände in den Schoß, betrachtete ihre Knie, die sich unter ihrem Rock abzeichneten, und klaubte ein paar aufgeraute Wollflusen ab. Ihr Blick verharrte, bohrte sich regelrecht in das dunkle Grau ihrer Kleidung. Die Witwe Hansen, wurde sie nun oft genannt, meist hinter vorgehaltener Hand, aber scharf genug, dass sie es hörte. Als wäre sie lediglich das Nachwort ihres Ehemannes, nur noch der Schatten eines Namens, den er getragen hatte. Dabei bemühte sie sich nach besten Kräften, weiterzugehen, sich keine Schwäche einzuräumen, denn wer stillstand, hatte längst verloren. Dass sie sich einsam und verlassen fühlte seit jenem Tag im vergangenen Sommer, entsprach jedoch einer Tatsache, und niemals würde sie jenen Moment vergessen, der ihr den Boden unter den Füßen weggerissen hatte. Carl-Hermann war einem Herzinfarkt erlegen. Es war aus heiterem Himmel geschehen, während er ein Telefonat mit einem Kunden geführt hatte. Anna hatte sein Büro in derselben Sekunde betreten, da er sich zu ihr umdrehte, sein Gesicht aschfahl, Schweiß auf seiner Oberlippe perlend.
Ihr war sogleich klar gewesen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Der Ausdruck in seinen Augen hatte von einer Panik erzählt, die sie bei ihm noch nie erlebt hatte. Die Knöchelchen seiner Finger, die die Knopfleiste seines Oberhemdes umkrallt hatten, waren weiß und spitz hervorgetreten, und sofort nachdem er sich vornüber gekrümmt hatte, war er, ohne sich aufzustützen oder abzufangen, auf den Boden gestürzt.
Anna entsann sich der weit aufgerissenen Augen. Jeder Funke Leben war innerhalb weniger Sekunden aus Carl-Hermann gewichen. Der Tod hatte nichts zurückgelassen als ein blindes Fenster zu seiner Seele, die sich längst aufgemacht hatte zu neuen Gefilden. Nichts, aber auch gar nichts hatte sie tun können, obwohl sie alles darum gegeben hätte. Er war fort, und sie hatte hinnehmen müssen – wieder einmal –, dass nichts, das man nicht mit beiden Händen festzuhalten vermochte, Bestand genoss.
Hatte Carl-Hermann hin und wieder über ein beklemmendes Gefühl in der Brust geklagt? War er kurzatmig gewesen? Schnell überlastet und müde? Diese und viele weitere Fragen hatte man Anna gestellt, um herauszufinden, warum ein scheinbar kerngesunder Mann von Anfang vierzig so plötzlich aus dem Leben gerissen worden war. Doch es hatte keine nachvollziehbaren Gründe gegeben, niemand war imstande gewesen, Erklärungen abzuliefern, die das Unglück plausibler erscheinen ließen. Carl-Hermann war einfach gestorben.
Anna versuchte, die dunklen Gedanken abzustreifen, damit sie sich auf die bevorstehende Zusammenkunft mit ihrer Schwiegermutter und ihren Schwagern konzentrieren konnte. Es war mittlerweile zwei Wochen her, dass Therese, die Angetraute von Friedrich, Carl-Hermanns ältestem Bruder und seit dem Tod des Vaters unangefochtenes Oberhaupt der Familie Hansen, ihr einen Besuch abgestattet hatte.
„Nimm dir für den 3. November besser nichts vor“, hatte Therese ihr in ihrem gewohnt abfälligen Ton mehr befohlen als geraten. „Das Testament unseres lieben Carl-Hermann wird endlich verlesen.“ Anschließend hatte sie sich bemüht, Tränen in ihre Augenwinkel zu pressen, zweifelsohne damit Anna glaubte, der Tod ihres Schwagers ginge ihr nah. Immerhin war es nicht einfach, wenn erneut in der Wunde gestochert wurde, die auch nach Wochen und Monaten noch nicht zugeheilt war. Annas Schmerz jedoch mit Thereses zu vergleichen, stand in keinerlei Relation.
Dass nun ausgerechnet ihre Schwägerin, die zusammen mit Friedrich am meisten gegen Carl-Hermann und seinen ungewöhnlichen Umgang mit Anna gewettert hatte, sich in dieser Situation plötzlich das Kostüm der Tieftrauernden überstreifen wollte, war beinahe lächerlich gewesen. In ihrem Inneren hatte Anna gekocht. Doch weil Carl-Hermann sich zeit seines Lebens gewünscht hatte, sie möge auf die ein oder andere Weise mit seiner Familie zurechtkommen, hatte sie Therese nur milde zugelächelt, ihr ein Taschentuch gereicht, damit sie die falschen Tränen trocknen konnte, und die Einladung in die Villa der Hansens angenommen.
Die Kutsche fuhr am Dammtor-Bahnhof vorbei in Richtung Innenstadt. Anna sah aus dem Fenster, gab einen Seufzer ob der unüberhörbaren Geräuschkulisse von sich und ließ ihren Blick schweifen. Zeitungsjungen, die die Schlagzeilen des Tages ausriefen, Studenten mit ledernen Aktenmappen unter dem Arm, ein Straßenmusikant, der unter dem Vordach einer Gastwirtschaft die Drehorgel spielte, und eilig vorbeilaufende Menschen unter aufgespannten Schirmen waren auf den Bürgersteigen unterwegs.
Sich nach Ruhe sehnend, zog Anna die Gardinen vor die beiden Fenster der Kutsche, was ihr nicht viel Erleichterung bescherte, aber wenigstens den Blick in das stetige Gewusel auf den Straßen ersparte. Sie wusste, dass das Stimmengewirr hinter der Lombardsbrücke und weiter Richtung Jungfernstieg und Rathausmarkt noch stärker anschwellen würde. Und ihre Nerven waren jetzt schon gespannt wie Drahtseile.
Sie empfand keine Angst beim Gedanken daran, mit Carl-Hermanns Familie zusammen an einem Tisch zu sitzen. Dennoch verbrachte sie nicht gerne Zeit mit oder bei ihnen, erst recht nicht, wenn es, wie jetzt, um etwas Privates wie die Erinnerung an ihren lieben Ehemann und dessen Nachlass ging. Die Vorstellung, dass alles, was er geleistet hatte, jedes bisschen, das seinem Erfolg zuzuschreiben war, einfach in den Besitz seiner Brüder übergehen würde, gefiel Anna ganz und gar nicht. Natürlich war am Ende alles eins, und jeder der Hansens profitierte vom Geschäft, aber Carl-Hermanns Methoden, Gewinn zu maximieren sowie sein Umgang mit Kunden unterschieden sich stark von dem, was der Rest der Familie, allen voran Friedrich, für erstrebenswert erachtete.
Endlich, nach mehr als einer halben Stunde Fahrt, lenkte Stefan die Pferde auf den Valentinskamp, wo die Häuser nicht mehr so dicht beieinanderstanden und eine eher kühle, gediegene Atmosphäre herrschte. Die Vereinigung von alteingesessenem Reichtum und Traditionsbewusstsein war hier so deutlich spürbar, dass Anna sich gegen das wachsende Unwohlsein kaum noch wehren konnte. Dies war einfach nicht ihre Welt, war es nie gewesen, selbst nicht in ihrer Kindheit und Jugend. Und doch schaffte sie es, dank ihrer Selbstbeherrschung darin zu leben, so gut es eben ging.
Vor einem der imposantesten Gebäude hielt die Kutsche schließlich. Nur wenige Momente danach öffnete Stefan die Tür, klappte das Trittbrett aus und hielt Anna seine behandschuhte Hand hin, damit sie auf den Bürgersteig treten konnte. Bereits aus dem Augenwinkel bemerkte sie eine Bewegung an der Tür der Hansen-Villa: Der Hausdiener machte sich bereit, sie zu empfangen und ins Haus zu geleiten.
Anna nickte Stefan zu. „Warten Sie hier“, beauftragte sie ihn. „Es wird nicht allzu lang dauern.“
Ihre Schultern bis an die Ohren hochgezogen, um sich gegen die eisigen Böen zu schützen, stieg sie die Stufen empor und folgte dem Angestellten durch das Portal ins Haus.
„Die Herrschaften erwarten Sie bereits“, gab der Hausdiener steif von sich, während er ihr den Mantel abnahm. Anna wusste, sie war nicht willkommen, sondern lediglich geduldet. Ebenso war ganz eindeutig zu spüren, dass die Tatsache, dass sie nicht mit der Kutsche der Hansens vorgefahren war, sie in der Gunst der Familie weiter hatte sinken lassen.
Ihre Schritte hallten auf dem polierten Marmor der Empfangshalle, die mühelos als Ballsaal hätte dienlich sein können. Nicht eine einzige Blume zierte den Raum, nur die steinerne Büste des verstorbenen Friedrich Hansen senior thronte in der Mitte gleich unter dem Kronleuchter, der kaltes Licht auf die Wände streute. Ein weiterer Vorfahre der Hansens schien Anna im Vorgehen aus seinem dunklen Ahnenporträt zu beobachten, Übelwollen lauerte in seinem Blick. Jedenfalls fühlte es sich für Anna so an.
„Bitte“, wies der Diener sie an und zeigte auf die mit dunklem Holz vertäfelte Tür zum Herrenzimmer. „Ich glaube, die Kutsche des Notars ist soeben vorgefahren. Sie finden ja den Weg.“ Weder ihre Reaktion abwartend, noch sie in den angrenzenden Raum begleitend, entfernte sich der Angestellte und eilte zum Hauseingang zurück, um einen viel bedeutsameren Gast, als sie es war, zu begrüßen.
Anna schaute ihm kurz hinterher und schürzte die Lippen. Egal, wie wenig Sympathien man ihr persönlich entgegenbringen mochte, dass der Hausdiener sie einfach stehenließ, konnte sie nicht gutheißen. Seufzend trat sie auf das Herrenzimmer zu, wollte nach der Klinke greifen und bemerkte im letzten Moment, dass die Tür nur angelehnt war.

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Christel Netuschil - Autorin
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Die Autorin

Über Christel Netuschil

Christel Netuschil, Jahrgang 1978, ist ausgebildete Krankenschwester und lebt mit ihrer Familie am Niederrhein.

Schon als Kind hat sie mit dem Schreiben von Kurzgeschichten begonnen und später Erwachsene wie Kinder dabei begleitet, Worte für das zu finden, was oft schwer auszusprechen ist: Gedanken, Wünsche, Ängste und innere Bilder.

Schreiben bedeutet für sie, Erfahrungen einen Raum zu geben, sie erlebbar zu machen. Dabei ist es ihr sehr wichtig, den Schleier des Offensichtlichen zu lüften und jene Umstände miteinzubeziehen, die ein Leben prägen.

Nach ersten Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Erzählungen widmet sie sich seit 2021 dem Schreiben von historischen Romanen und Familiensages über starke Frauen und ihre Lebenswege. Im Zentrum ihrer Geschichten stehen die Liebe in all ihren Facetten sowie die Frage, wie Menschen mit dem umgehen, was ihnen widerfährt.

„Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Sie entstehen aus allem, was mich berührt, und sie aufschreiben zu können, ist für mich eine Art Lebenselixier."

Christel
Langjährige Autorin Historische Romane Niederrhein